Skip to main navigation Skip to main content Skip to page footer

Bildung gemeinsam gestalten

Welche Rolle die Zivilgesellschaft für gelingende Bildungslandschaften spielt – ein Gespräch mit dem Netzwerk Stiftungen und Bildung.

Porträt von Sabine Süß, Leiterin der Koordinierungsstelle des Netzwerks Stiftungen und Bildung und Vorstandsmitglied von Stiftungen für Bildung e. V.

Bildung entsteht überall dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen, eigene Ideen entwickeln und gemeinsam Lösungen finden. Dafür braucht es Schule und Zivilgesellschaft auf Augenhöhe. Foto: Netzwerk Stiftungen und Bildung / Frederic Schweizer

Bildung entsteht längst nicht nur in der Schule. Die rund 30 Mitgliedsinitiativen des bundesweiten Netzwerks Gründung in school zeigen, wie Entrepreneurship Education junge Menschen dabei unterstützt, Eigeninitiative, Verantwortung und Gestaltungskompetenz zu entwickeln. Im Verbundforschungsprojekt „Zivilgesellschaft und Bildung. Bürgerschaftliches Engagement in kommunalen Bildungslandschaften“ sind Stiftungen für Bildung e. V. mit dem Netzwerk Stiftungen und Bildung, dem Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung am WZB und der Freien Universität Berlin der Frage nachgegangen, welche Rolle zivilgesellschaftliches Engagement für Bildung vor Ort spielt – und warum Bildungsangebote außerhalb der Schule und starke Kooperationen für gelingende Bildungslandschaften unverzichtbar sind.

Was bedeutet das für Schulen, Kommunen und die vielen Bildungsinitiativen, die Entrepreneurship Education in die Praxis bringen? Darüber spricht Sabine Süß, Leiterin der Koordinierungsstelle des Netzwerks Stiftungen und Bildung und Vorstandsmitglied von Stiftungen für Bildung e. V., im Interview.


Die Studie zeigt: 61 % der freiwillig Engagierten leisten Bildungsarbeit. Warum bleibt dieser Beitrag dennoch so oft unsichtbar?

Wer mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, erlebt täglich, wie viel Bildung außerhalb der Schule entsteht: in Vereinen, Initiativen und durch ehrenamtliches Engagement. Unsichtbar ist dieses Engagement erst auf der übergeordneten Ebene – in der öffentlichen Wahrnehmung, in Statistiken und häufig auch in der Bildungsforschung. Bildung wird noch immer vor allem mit Schule verbunden. Dabei findet sie genauso im Sportverein, in der Musikschule, im Umweltprojekt oder im kulturellen Engagement statt.

Viele Engagierte verstehen sich selbst deshalb gar nicht als Bildungsakteure. Sie sagen: „Wir machen Sport“ oder „Wir machen Kultur“ – dabei vermitteln sie Wissen, fördern Kompetenzen und eröffnen Lernräume. Genau diese Perspektive wollten wir mit unserer Studie sichtbar machen. Denn Bildung ist ein Querschnittsthema, das weit über den formalen Unterricht hinausreicht und von einer vielfältigen Zivilgesellschaft getragen wird.


Welche Folgen hat diese mangelnde Sichtbarkeit für Bildungsengagement in Deutschland?

Was nicht als Bildungsarbeit wahrgenommen wird, wird häufig auch politisch und strukturell nicht mitgedacht. Dabei übernehmen Vereine, Initiativen und Stiftungen wichtige gesellschaftliche Aufgaben: Sie fördern Zusammenhalt, schaffen Lern- und Begegnungsorte und vermitteln Kompetenzen weit über die Schule hinaus.

Damit dieses Engagement langfristig wirken kann, braucht es passende Rahmenbedingungen: weniger bürokratische Hürden, verlässliche Förderstrukturen und einen stärkeren Dialog zwischen Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft. Viele Organisationen arbeiten fast ausschließlich mit Ehrenamtlichen. Gleichzeitig verändern sich Engagement und demografische Strukturen. Umso wichtiger ist es, Bildungsengagement als festen Bestandteil unseres Bildungssystems zu verstehen und entsprechend mitzudenken.


Das Netzwerk bringt Bildungsakteure aus ganz Deutschland zusammen. Was entsteht, wenn Vereine, Stiftungen und Initiativen regelmäßig voneinander lernen?

Ein Raum, in dem gute Ideen geteilt, weiterentwickelt und in andere Regionen übertragen werden. Zugleich tauschen Bildungsakteure Erfahrungen aus, lernen voneinander und entwickeln gemeinsam Lösungen für aktuelle Herausforderungen. Aus diesem kontinuierlichen Austausch entstehen neue Kooperationen, gegenseitige Unterstützung und ein Wissenstransfer, der einzelnen Organisationen allein kaum möglich wäre. Gerade in Zeiten knapper Ressourcen wird dieses Miteinander zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor.


Warum reicht ein schulzentrierter Bildungsbegriff heute nicht mehr aus?

Bildung beginnt lange vor dem ersten Schultag und setzt ein Fundament voraus, das längst nicht mehr selbstverständlich ist. Kinder und Jugendliche brauchen heute mehr als Fachwissen. Eigeninitiative, Kreativität, Verantwortungsbewusstsein oder Problemlösung entstehen häufig dort, wo sie selbst aktiv werden und praktische Erfahrungen sammeln. Schule bleibt dafür zwar ein zentraler Bildungsort, sie kann diese Erfahrungen jedoch nicht allein ermöglichen. Bildung gelingt heute nur im engen Miteinander von Schule und Zivilgesellschaft. Gerade praxisnahe Bildungsangebote außerhalb des Unterrichts schaffen Gelegenheiten, in denen junge Menschen Eigeninitiative, Verantwortung und Gestaltungskompetenz entwickeln können.

Deshalb benötigen wir einen erweiterten Bildungsbegriff. Vereine, Bibliotheken, Jugendzentren, Sport- und Kulturangebote oder andere außerschulische Lernorte eröffnen Erfahrungsräume, die Schule allein nicht bieten kann. Erst das Zusammenspiel von formalen, nonformalen und informellen Bildungsorten ermöglicht es, Menschen in ihrer gesamten Entwicklung zu begleiten – von der frühen Kindheit bis ins hohe Alter.


Sie sprechen viel über Verantwortung, Selbstvertrauen und Gestaltungskraft. Warum sind gerade diese Kompetenzen heute so wichtig?

Weil sie Menschen darin stärken, ihr Leben und unsere Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Kinder und Jugendliche lernen das weniger im Unterricht, sondern vor allem dort, wo sie Verantwortung übernehmen, eigene Ideen umsetzen, Rückschläge erleben und gemeinsam Lösungen finden. Genau solche Erfahrungen fördern Selbstvertrauen, Eigeninitiative, Gemeinschaftssinn und den Mut, neue Wege zu gehen.

Wer junge Menschen dabei unterstützen will, Verantwortung zu übernehmen und Zukunft mitzugestalten, muss Bildung als gemeinsame Aufgabe von Schule, Wirtschaft und Zivilgesellschaft verstehen. Vereine, Initiativen und andere zivilgesellschaftliche Akteure müssen deshalb nicht nur eingebunden, sondern als gleichwertige Bildungsakteure anerkannt werden.


Über das Forschungsprojekt „Zivilgesellschaft und Bildung“

Das Forschungsprojekt „Zivilgesellschaft und Bildung. Bürgerschaftliches Engagement in kommunalen Bildungslandschaften“ untersuchte, welchen Beitrag Vereine, Initiativen und Stiftungen für Bildung in Deutschland leisten und welche Rolle sie in kommunalen Bildungslandschaften spielen. Das Verbundprojekt wurde von Stiftungen für Bildung e. V. – Träger des Netzwerks Stiftungen und Bildung – gemeinsam mit dem Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und der Freien Universität Berlin durchgeführt.

Eine zentrale Erkenntnis: Erfolgreiche Bildungslandschaften entstehen dort, wo Schule, Kommune und zivilgesellschaftliche Initiativen eng zusammenarbeiten. Davon profitiert auch die Entrepreneurship Education. Bildungsinitiativen, die junge Menschen Eigeninitiative, Verantwortung und Gestaltungskompetenz vermitteln, sind auf starke Kooperationen zwischen Schule, Kommunen und Zivilgesellschaft angewiesen. 

Newsletter bestellen

Bleiben Sie informiert über neue Angebote, Projekte, Lehrerfortbildungen und neue Erkenntnisse zu Entrepreneurship Education. Der Newsletter erscheint 4x im Jahr. Jetzt anmelden