Schülerfirmen erfolgreich begleiten
Keine Wirtschaftslehrkraft, aber mittendrin: Andreas Leistner begleitet Schülerinnen und Schüler dabei, aus eigenen Ideen echte Projekte zu machen.
Mit Wirtschaft hatte Andreas Leistner ursprünglich wenig zu tun: Am Goethe-Gymnasium Ludwigslust unterrichtet er eigentlich Sport und Biologie. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – begleitet er dort seit vielen Jahren Schülerfirmen: vom Schulmerchandise über Catering bis zur preisgekrönten Calisthenics-Anlage – ein Outdoor-Fitnessbereich für das Training mit dem eigenen Körpergewicht. Wie unternehmerisches Lernen Räume eröffnet, die weit über den Unterricht hinausgehen, welche Rolle starke Netzwerke spielen und weshalb Lehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler dabei ganz neu kennenlernen, erzählt er im Interview mit der Geschäftsstelle Gründung in school.
Was begeistert Sie bis heute an der Arbeit mit Schülerfirmen?
Eigentlich bin ich Lehrer für Sport und Biologie – mit Wirtschaft hatte ich zunächst wenig zu tun. Umso spannender war für mich zu erleben, wie aus der Idee, gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern Schulkleidung zu entwickeln, über die Jahre immer neue Projekte und schließlich mehrere Schülerfirmen entstanden sind. Heute gehört diese Arbeit ganz selbstverständlich zu meinem Schulalltag.
Mich begeistert vor allem, dass Schülerfirmen Schule aus ihrer „Insel“ herausholen. Die Jugendlichen erleben, wie ihre Ideen außerhalb des Klassenzimmers Wirkung entfalten, arbeiten mit externen Partnern zusammen und übernehmen echte Verantwortung. Dadurch werden viele Unterrichtsinhalte plötzlich greifbar. Am schönsten ist zu sehen, wie sie an ihren Aufgaben wachsen und erkennen: Ich kann etwas bewegen.
Warum geben Sie Ihren Schülerinnen und Schülern so viel Eigenverantwortung?
Weil Eigenverantwortung der beste Lehrmeister ist. Im klassischen Unterricht zeigt eine Note, ob etwas gelungen ist. In der Schülerfirma erleben die Jugendlichen dagegen die Folgen ihres Handelns unmittelbar: Sie entwickeln eine Idee, setzen sie um und sehen, ob sie funktioniert. Dieses Gefühl, selbst etwas geschaffen zu haben, motiviert ungemein.
Gleichzeitig lernen sie, dass nicht jede Idee auf Anhieb gelingt – und genau das ist wertvoll. Scheitern gehört dazu und ist Teil des Lernprozesses. Die Schülerinnen und Schüler übernehmen echte Verantwortung und wachsen an ihren Aufgaben. Diese unmittelbaren Erfahrungen lassen sich im klassischen Unterricht kaum vermitteln.
Welche Veränderungen beobachten Sie bei Jugendlichen, wenn sie erleben, dass ihre Ideen tatsächlich umgesetzt werden und dass auch Rückschläge zum Projekt dazugehören?
Das beste Beispiel ist unsere Calisthenics-Anlage. Drei Schüler hatten die Idee und haben das Projekt über drei Jahre verfolgt. Sie haben Geld eingeworben, die Umsetzung organisiert und gemeinsam mit vielen anderen Schülerinnen und Schülern selbst mit angepackt. Als die Anlage fertig war und später mit dem Zukunftspreis der IHK Schwerin ausgezeichnet wurde, war der Stolz riesig.
Solche Projekte lassen junge Menschen persönlich wachsen. Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen, Rückschläge auszuhalten und ihre Ideen überzeugend zu präsentieren – etwa vor einer Jury oder einem Fachpublikum. Diese Erfahrungen stärken ihr Selbstvertrauen und ihre Eigenständigkeit auf eine Weise, die klassischer Unterricht allein kaum vermitteln kann.
Viele erfolgreiche Schülerfirmen leben von starken Partnern. Welche Netzwerke und Unterstützer in Mecklenburg-Vorpommern haben Ihre Arbeit besonders geprägt – und wie können interessierte Lehrkräfte solche Kooperationen aufbauen?
Mein Rat ist, zuerst vor Ort nach Unterstützung zu suchen. Bei uns sind das zum Beispiel das Gründerzentrum DeveLUP, die Gründungswerft oder Unternehmen aus der Region. Solche Partner bringen neue Perspektiven in die Schule, öffnen Türen und zeigen den Jugendlichen, wie Unternehmertum funktioniert.
Darüber hinaus arbeite ich mit bundesweiten Initiativen und Organisationen wie der Joachim Herz Stiftung, dem Bankenverband oder der Sparkasse zusammen. Wer den ersten Kontakt knüpft, merkt schnell: Viele Partner unterstützen Schulen gerne. Man muss sich nur trauen, den ersten Schritt zu machen – vieles entwickelt sich dann ganz von selbst.
Was würden Sie Lehrkräften raten, die selbst mit einer Schülerfirma starten möchten?
Traut den Jugendlichen etwas zu und probiert es einfach aus. Schülerinnen und Schüler wachsen daran, eigene Entscheidungen zu treffen – und selbst wenn nicht jede Idee gelingt, ist das eine wertvolle Erfahrung. Auch wir Lehrkräfte lernen dabei immer wieder dazu. Man muss nicht alles selbst steuern – die Aufgabe der Lehrkraft ist es, den Rahmen zu schaffen und zu begleiten.
Für mich ist einer der größten Gewinne, dass ich meine Schülerinnen und Schüler noch einmal ganz neu kennenlerne. Jugendliche, die im Unterricht eher zurückhaltend sind, übernehmen plötzlich Verantwortung, entwickeln kreative Ideen oder wachsen über sich hinaus. Genau diese Momente zeigen, wie viel Potenzial in ihnen steckt und warum sich der Einsatz für eine Schülerfirma lohnt.