Wirtschaft verstehen, Zukunft mitgestalten
Sandra Zillinger gibt jungen Stimmen Raum: Für den Young Economy Tracker der Bertelsmann Stiftung bringt sie Perspektiven der Generation 16–25 direkt in wirtschaftspolitische Debatten ein. Foto: Bertelsmann Stiftung
Wie gerecht muss Wirtschaft sein? Welche Rolle spielen Staat und Unternehmen bei großen gesellschaftlichen Herausforderungen? Und warum wünschen sich viele junge Menschen mehr wirtschaftliche Bildung? Der Young Economy Tracker der Bertelsmann Stiftung liefert erstmals einen umfassenden Einblick in die wirtschaftspolitischen Einstellungen der 16- bis 25-Jährigen in Deutschland.
Ein besonderes Merkmal der Studie: In ihre Entwicklung war ein Young Economy Team eingebunden – 15 junge Menschen mit unterschiedlichen Bildungs- und Lebenswegen. Sie brachten eigene Themen ein, diskutierten Ergebnisse und halfen dabei, zentrale Fragen aus Sicht ihrer Generation zu schärfen.
Geleitet wird das Projekt von Sandra Zillinger, Expertin für Jugend und Wirtschaft bei der Bertelsmann Stiftung. Die studierte Ökonomin arbeitet seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Wirtschaft und Bildung und beschäftigt sich besonders mit der Frage, wie junge Menschen wirtschaftliche Zusammenhänge besser verstehen und aktiv mitgestalten können. Im Interview spricht sie darüber, welche Perspektiven junge Menschen auf Wirtschaft haben und was Politik, Bildung und Unternehmen daraus lernen können.
Mit dem Young Economy Team waren 15 junge Menschen in die Entwicklung der Studie einbezogen. Können Sie konkretisieren, wie ihre Perspektiven den Young Economy Tracker geprägt haben – von der Themenwahl bis zur Interpretation der Ergebnisse?
Das Young Economy Team war von Beginn an eng in die Studie eingebunden. Viele Themen, die später Schwerpunkte des Trackers wurden – wie Rente, bezahlbarer Wohnraum oder Fragen der Gerechtigkeit – haben die jungen Teilnehmenden selbst eingebracht. Auch bei der Auswertung der Ergebnisse spielten sie eine wichtige Rolle. Nachdem erste Resultate der Befragung vorlagen, hat das Team diese diskutiert und eigene Fragen formuliert. Einige davon haben wir anschließend in Fokusgruppen vertieft – zum Beispiel, warum Unternehmen aus Sicht vieler junger Menschen eine so wichtige Rolle bei der Lösung wirtschaftlicher Herausforderungen spielen.
Für uns als Forschungsteam war es sehr wertvoll, die Perspektiven der Zielgruppe kontinuierlich einzubeziehen. Zwar ist ein Team von 15 Personen nicht repräsentativ, aber wir haben bewusst auf unterschiedliche Lebenssituationen geachtet – von Schule über Ausbildung bis Beruf. Diese Vielfalt hat geholfen, die Ergebnisse differenzierter einzuordnen.
Gab es etwas, das Sie bei den Themen oder Perspektiven der jungen Teilnehmenden besonders überrascht hat?
Überraschend war vor allem, wie differenziert die jungen Teilnehmenden die Ergebnisse eingeordnet haben. Sie haben zum Beispiel darauf hingewiesen, dass viele junge Menschen einerseits stark an Eigenverantwortung glauben – also daran, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen –, bei großen gesellschaftlichen Herausforderungen aber gleichzeitig klare Erwartungen an den Staat richten. Diese Spannung haben sie sehr präzise benannt.
Ermutigend war außerdem zu beobachten, wie sich die Gruppe im Laufe des Prozesses entwickelt hat. Einige waren anfangs unsicher, weil sie wenig Vorwissen über Wirtschaft hatten. Doch gerade diese unterschiedlichen Perspektiven waren wichtig. Mit der Zeit entstand ein sehr respektvoller Austausch, in dem die Teilnehmenden voneinander gelernt und unterschiedliche Sichtweisen nebeneinandergestellt haben.
Viele junge Menschen fühlen sich politisch und wirtschaftlich kaum einbezogen. Welche Beteiligungsformate könnten hier helfen – etwa in Schule, Ausbildung oder zivilgesellschaftlichen Projekten?
Ein wichtiger Ansatz sind Jugendgremien oder Partizipationsprozesse, in denen junge Menschen aktiv einbezogen werden – idealerweise auf lokaler Ebene, wo ihre Beiträge direkt Wirkung zeigen. Entscheidend ist dabei nicht nur die Möglichkeit zur Mitbestimmung, sondern die Kommunikation: Junge Menschen möchten nachvollziehen können, warum bestimmte Entscheidungen getroffen werden und welche Auswirkungen sie auf ihre Lebenswelt haben.
Darüber hinaus wünschen sich viele mehr wirtschaftliche Bildung – in Schule, Ausbildung oder außerschulischen Projekten. Dabei geht es weniger um abstrakte Theorie als um praxisnahe Formate, die zeigen, wie Wirtschaft das eigene Leben betrifft. Ein Beispiel dafür ist das Kosmos Festival in Chemnitz, das wirtschaftliche ebenso wie gesellschaftliche, politische und kulturelle Themen aufgreift. Die Bertelsmann Stiftung gestaltet dort den Jugendbereich („GenNow Space“) mit verschiedenen Formaten, in denen junge Menschen wirtschaftliche und gesellschaftliche Fragen diskutieren können. Solche Angebote erreichen junge Menschen direkt und können sie ermutigen, sich stärker an wirtschaftlichen und politischen Debatten zu beteiligen.
90 % der jungen Menschen wünschen sich, dass wirtschaftliche Themen in der Schule mehr Raum bekommen. Welche Formate eignen sich besonders, um wirtschaftliches Wissen praxisnah zu vermitteln?
Wichtig ist vor allem, Hemmschwellen abzubauen und Wirtschaft stärker mit der Lebenswelt junger Menschen zu verbinden. Viele informieren sich heute über Social Media oder im Freundeskreis über wirtschaftliche Themen – das vermittelt aber oft nur begrenzte Perspektiven. Bildungsangebote sollten deshalb Räume schaffen, in denen junge Menschen Fragen stellen, unterschiedliche Sichtweisen kennenlernen und wirtschaftliche Zusammenhänge besser einordnen können.
Besonders gut funktionieren praxisnahe Formate. In einem Pilotprojekt haben wir zum Beispiel Schülerinnen von Berufskollegs mit Unternehmen zusammengebracht: Die Firmen brachten reale Herausforderungen ein, und die Jugendlichen entwickelten im Unterricht Lösungsideen. Solche Projekte fördern nicht nur wirtschaftliches Verständnis, sondern auch Selbstwirksamkeit und unternehmerisches Denken – weil junge Menschen erleben, dass ihre Perspektiven ernst genommen werden.
Wenn Sie einen zentralen Appell an Lehrkräfte, Bildungspolitik und Unternehmen richten könnten: Welche Maßnahmen sollten sie jetzt umsetzen, um junge Menschen wirtschaftlich fit zu machen?
Zutrauen und Zuhören sind die beiden zentralen Punkte. Lehrkräfte, Politik und Unternehmen sollten jungen Menschen auf Augenhöhe begegnen, ihre Perspektiven ernst nehmen und an das anknüpfen, was sie interessiert. So lassen sich wirtschaftliche Inhalte praxisnah und kreativ vermitteln und auch diejenigen erreichen, die bisher wenig Berührung mit Wirtschaft hatten.
Über den Young Economy Tracker
Der Young Economy Tracker der Bertelsmann Stiftung erfasst die wirtschaftspolitischen Einstellungen junger Menschen zwischen 16 und 25 Jahren. Die Studie untersucht Schwerpunktthemen wie Staatsausgaben, Umverteilung, bezahlbaren Wohnraum und Altersvorsorge – eingebettet in grundlegende Fragen zur Wirtschaft.
Die Ergebnisse zeigen: Junge Menschen legen gleichermaßen Wert auf Leistungs- und Bedarfsprinzip, fühlen sich aber politisch oft wenig einbezogen. Sie wünschen sich mehr wirtschaftliche Lernangebote – in Schule, Ausbildung und im öffentlichen Raum – die ihre Vielfalt und Lebensrealitäten berücksichtigen.